Donnerstag, 31. Juli 2014
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So schnell kann es gehen!

So schnell kann es gehen!

Nur 15 Prozent der Bevölkerung beginnen im Ernstfall mit Wiederbelebungsversuchen!

30 Sekunden zuvor stand ich noch am Waschbecken im Toilettenbereich des Bahnhofs und während im Hintergrund ein dumpfes Geräusch zu hören war, schoss ein Gedanke durch meinen Kopf: Bitte nicht …

Jetzt zwänge ich mich mit meinem Koffer und der Laptoptasche durch das viel zu enge Drehkreuz, mein Kopf ist schon im Autopilot-Modus – die nötigen Schritte arbeite ich im Kopf ab.

Mein Gepäck landet in der Ecke. Ich knie mich hin und habe meine Hand sofort am Hals des am Boden liegenden Mannes. Puls nicht zu spüren – auch nicht an den Handgelenken, Atmung nicht vorhanden, Mund und Rachen frei, blau angelaufenes Gesicht, Augen geöffnet, Pupillen reagieren nur sehr leicht auf Licht, Hörgerät, Zahnprothese im Oberkiefer, kalter Schweiß, … Ich überprüfe alles doppelt. Selbes Ergebnis.

Ich beginne zu reanimieren. Nicht das erste Mal in meinem Leben. Nur diesmal summt die Titelmelodie von Pipi Langstrumpf in meinem Kopf. Makaber. Vor einigen Wochen hatte ich das in einem Beitrag gelesen. Der Takt gibt die Geschwindigkeit der Kompressionen vor: 100 – 120 Wiederholungen pro Minute.
(Was für einen Blödsinn man sich merkt. Aber es hilft, das Tempo aufrechtzuerhalten.)

Es kommen und gehen Menschen. Ich spreche sie an – keiner reagiert. Die Haut des Mannes wird rosiger. Auf jetzt! Komm schon! Immer noch kein Puls, keine Atmung. Ich fluche.

Sein Bekannter erscheint in meinem Blickfeld und steht fassungslos neben mir. Er informiert den Notarzt.

Ein junger Herr tritt in den Vorraum und ich bitte ihn mehr oder weniger freundlich, gegenüber zum Schalter der Deutschen Bahn zu eilen, Unterstützung zu holen und mir ein Beatmungsset zu besorgen. Er ist kurz darauf zurück: Mit einem Erste-Hilfe-Koffer, aber ohne Hilfe. Von einer Beatmungsmaske wüsste die junge Dame an der Information nichts. Im Koffer befindet sich anscheinend auch nur ein einzelner Einweg-Handschuh. Ok, geht auch ohne. Blick auf die Uhr: Inzwischen drücke ich über 5 Minuten den Brustkorb des Unbekannten. Ich verlange nochmals nach einem Beatmungsset und Hilfe.
Ein Gast in der Bar nebenan beobachtet mein Handeln durch die Scheibe und schaut weg als ich ihn herwinke. Ich spreche aus, was ich denke: Arschloch.

Ich bitte einen 40jährigen, der vorbeikommt, stehen bleibt und beginnt mir zuzuschauen, mich kurz abzulösen, damit ich meine Jacke ausziehen kann. Seine Ausrede: er könne sich mir gegenüber nicht hinknien – er könne das nicht … Er geht. Es herrscht reger Betrieb: Männlein und Weiblein gehen zur Toilette und laufen an mir vorbei.

Ich drücke die Brust weiterhin über 100 Mal in der Minute und schwitze unter meiner dicken Jacke und dem Schal. Kein Puls. Keine Atmung. Nur nicht nachlassen!

Jemand schlägt vor, die Polizei zu informieren – diese soll im Stockwerk über uns sein. Wenig später erscheint eine Polizistin.

“Was kann ich tun?”.
“Übernehmen, 100er Frequenz. Und ich brauche etwas zum Beatmen!”.
Sie reicht mir eine Beatmungsfolie, beginnt zu drücken und schaut kurz irritiert. Es fällt mir aus dem Gesicht: “Ja, ich habe ihm die Rippen gebrochen. Drücken. Nicht streicheln!”.
Sie zählt, stoppt. Ich beatme. Das geht jetzt recht flott und Hand in Hand.

Endlich wird mir eine Einweg-Beatmungsmaske mit Filter gereicht und ich leite den jungen Herrn an, zu beatmen. Er hat offensichtlich schon einen Ersten-Hilfe-Kurs hinter sich, ist aber zu sanft und zögerlich. “Das ist kein Säugling. Sie können kräftig blasen. Ich muss im Brustraum spüren, dass es ankommt. Nacken nicht vergessen zu überstrecken!”. Die Polizistin geht ihm zur Hand: einer fixiert den Nacken, einer beatmet mit fest auf Mund und Nase gedrückter Maske. Wir finden unseren Rhythmus.

Weitere Polizisten und Menschen erscheinen und ich frage, ob der Notarzt eingewiesen wird und ob irgendjemand die vielen Zuschauer entfernen könnte. Die Menge löst sich langsam auf und schon steht der Notarzt samt 4 weiteren Helfern vor uns. Endlich. Zwei Sätze von ihm genügen und die erschienen Mitarbeiter der Bahn sperren den Bereich.

“Seit knapp 15 Minuten Reanimation nach keinem spürbarem Puls, keine Atmung. 100 bis 120 Kompressionen pro Minute und Beatmung” informiere ich. Eine Rettungshelferin kniet sich mir gegenüber, lächelt mich an und übernimmt die Druckmassage. Ich stehe auf und schnappe nach Luft.
“Da hat einer hart gearbeitet” meint der Notarzt, schaut mich an und legt ein “Keine Sorge, Rippen brechen ganz leicht. Gut gemacht.” nach. “Ich weiß.”.

Ein Zugang wird gelegt, der Monitor angeschlossen, der Tubus geschoben und per Beutel beatmet. Der Monitor zeigt wilde Linien zwischen 90 und 130 – von der Herzdruckmassage der Helfer. Es wird mehrfach unterbrochen, geschaut und fortgefahren. Keine Reaktion auf dem Monitor, “Supra” wird gespritzt, ich halte den Beutel mit Flüssigkeit, dessen Schlauch im rechten Handrücken des Patienten endet. Die Flüssigkeit fließt schnell. Der Beutel wird kleiner. Die Helfer wechseln sich ab.

Der Begleiter des Herren wird im Hintergrund vom Notarzt bzgl. Krankheiten und Medikamenten befragt. Der Geldbeutel verrät nicht viel.
Ich werde nochmals befragt: Wie lange der Mann lag, bevor ich ihn erreicht hätte und ob ich etwas wüsste. “Kurz nach dem er umgefallen ist. Leider nein.”

Ich schaue wieder auf die Uhr, schüttle den Kopf. Nach 30 Minuten stellen auch die Profis ihre Bemühungen ein.

Tot.

“Da war Nichts zu machen. Sie haben alles richtig gemacht.” meint einer der Rettungsassistenten noch.

Trotzdem ist er tot.

Josef, war 85 Jahre alt, verheiratet und mit Dieter, seinem Bekannten, auf dem Weg aus dem Bayrischen nach Rastatt. Sie kennen sich seit 40 Jahren und Dieter sollte ihm das neugekaufte Auto für seine Frau nach Hause fahren. Jetzt liegt er hier auf dem Boden im Vorraum zur Toilette. Einfach so gestorben.

Meine Personalien werden aufgenommen. Nassgeschwitzt und leicht zitternd spreche ich die Polizistin an, entschuldige mich dafür, dass ich sie harsch angefahren habe. Sie unterbricht mich und bedankt sich bei mir: “Alles gut. Wir lernen das und trotzdem konnte ich es nicht sofort abrufen. Danke für die Anweisungen.”

Ich trete in die Bahnhofshalle. Verschiedene Menschen sprechen mich an und verwenden Begriffe, wie Courage und Leistung, von Mut und Respekt. Danken mir. Sprechen mir ihr Beileid aus. Fragen mich, ob ich Arzt sei. Woher ich wüsste, was zu tun ist. Warum ich so schnell eingreifen kann und dabei andere noch anleite. Ich habe nur wenige Antworten in diesem Moment.

5 Minuten später halte ich einen Caramel-Macchiato in meiner unruhigen Hand, sitze gegenüber des Toilettenausgangs im Café: Eben noch mit dem Autopilot unterwegs, kämpfe ich jetzt mit Tränen und meinen Gedanken.

So schnell kann es gehen und selbst wenn jemand sofort hilft, kann es vorbei sein.

Warum hilft kaum einer freiwillig? Es waren so viele Menschen da.
Wie kann es sein, dass am Bahnhof kein AED (Automatisierter Externer Defibrillator) vorhanden ist und auch keiner der Bahnmitarbeiter unterstützt hat?
Hätte ich etwas besser machen können? Habe ich etwas übersehen?

Die Familie kommt mir in den Sinn.

Das Beerdigungsinstitut rollt den im blauen Sack liegenden Josef auf einer Rolltrage an mir vorbei. Tränen laufen über mein Gesicht. Die Putzkolonne reinigt den Vorraum von allen Spuren und wenig später laufen die ersten Reisenden ahnungslos über die Stelle, an der wir auf den kalten Fliesen gekniet haben und letztendlich chancenlos waren.

Ich treffe Dieter und wir unterhalten uns. Er dankt mir für mein beherztes Eingreifen. Er hat schon das Ticket für die Rückfahrt und darf die Hinterbliebenen nicht informieren – das übernimmt die Polizei. Er erzählt, dass Josef noch auf der Zugfahrt viel geredet, über nichts geklagt oder sonst irgendwelche Anzeichen des Unwohlseins gezeigt hat. Ja, Josef war nicht mehr der Jüngste. Aber alles war wie immer. Mit feuchten Augen verabschieden wir uns.

Auf dem Heimweg beginne ich, das Erlebnis in mein iPad zu tippen.

Das war gestern. Nach einer unruhigen Nacht startet für mich ein neuer Tag – die Gedanken kreisen immer noch.

Mit der Situation überfordert zu sein, sich zu erschrecken, sich vielleicht zu ekeln oder flüchten zu wollen, die Angst vor Fehlern, das eigene Unwissen über die richtige Vorgehensweise, der direkte Kontakt zu einer fremden Person, der Gedanke “es wird schon ein Anderer etwas tun”, der Anblick eines hilflosen Menschen, …
All diese Gedanken und Reaktionen kann ich nachvollziehen. Dabei ist es so einfach, zu helfen!

Die reine Herzdruckmassage, sprich das kräftige (5-6 Zentimeter tiefe) Drücken auf die Mitte des Brustkorbs (zwischen den Brustwarzen) mit 100-120 Wiederholungen pro Minute kann und darf durch JEDEN angewendet werden. Sie alleine verdreifacht die Überlebenswahrscheinlichkeit eines Menschen! Nicht zu helfen, ist der einzige Fehler, den man machen kann!

Das Wissen darüber, wie einfach und effektiv man Hilfe leistet, ist der erste wichtige Schritt – dafür muss kein Kurs besucht werden. Zwei Minuten Ihrer Zeit reichen aus, um zu lernen, was zu tun ist. Jetzt und hier – direkt an Ihrem Computer!

Diesmal haben wir den “Kampf” verloren. Aber ohne unsere Hilfe wären die Chancen für Josef noch geringer gewesen. Und statt Josef, der uns allen unbekannt war, hätte es auch einen unserer Familienangehörigen oder Freunde treffen können.

Ich wünsche mir, dass sich Menschen häufiger in einer solchen Situation zusammentun, den Mut aufbringen, schnell zu helfen und ihr Wissen kombinieren. Aber: Einer muss den Anfang machen!

Bitte nehmen Sie sich die Zeit, schauen Sie sich das Video an und helfen Sie, wenn es in Zukunft nötig ist – entweder, indem Sie Ihr Wissen und damit die Herzdruckmassage aktiv einsetzen oder zumindest, indem Sie andere Personen anleiten und motivieren.

Erschreckend: Nur 15 Prozent der Bevölkerung beginnen mit Wiederbelebungsversuchen! (zur Studie →)

Teilen Sie also bitte Ihr Wissen, das Video, die folgenden Links oder diesen Beitrag mit Ihren Freunden, Arbeitskollegen und Ihrer Familie.

Mehr Informationen zum Thema “(Laien-)Reanimation” finden Sie unter:

Und sollten Sie mehr wissen oder sogar an einem Dummy die Herzdruckmassage ausprobieren wollen, besuchen Sie einfach einen Erste-Hilfe-Kurs.

Über Gordon Seipold

Mein Name ist Gordon Seipold. Ich bin Jahrgang '78, liebe Herausforderungen, Menschen, gutes Essen und Technik, teile gerne mein Wissen, arbeite inzwischen lieber im Café statt im Büro und schreibe in meinem Blog über lustige Begebenheiten, Nachdenkliches, "nerdiges" und Dinge, die mich interessieren. Kennenlernen kann man mich vorzugsweise persönlich, aber auch über Facebook, Instagram, Google+, Linkedin und Twitter.

29 Kommentare

  1. respekt!
    zum einen wegen deiner hilfsbereitschaft, schnellen reaktion, umsichtigkeit und deinem wissen und können.
    zum anderen, dass und wie du diesen text geschrieben hast: er hat mich berührt. und ich bin immer noch ganz aufgewühlt. ich war mitten dabei, so greifbar und emotional war alles. ich habe mich über die anderen menschen aufgeregt, mitgefiebert, um josef getrauert.
    und etwas gelernt.
    danke!

  2. Hallo Marion,

    Danke für Deine Worte.

    So, wie Dir, ist es vielen Menschen gegangen, die in den letzten Tagen den Beitrag gelesen und mich dann kontaktiert haben. Einige fragen sich “Ist das wirklich passiert?”, andere sind fassungslos und es fehlen ihnen die Worte.

    Sicher, letzten Freitag lief einiges unrund – sowohl im Verlauf, als auch anschliessend.
    Und ja, es ist verdammt frustrierend, wenn Du fremde Menschen regelrecht anflehen musst, wenigstens das Nötigste zu tun bzw. Dich dabei zu unterstützen, das Leben eines anderen zu retten.

    Entscheidend ist aber doch, dass sich drei Personen gefunden haben, die gemeinsam ihr Bestmöglichstes gegeben haben!

    Es gibt immer einen, der anfängt, andere anleitet und motiviert. Diesmal war ich es – nächstes Mal einer von Euch.

    Ja, ich bin immer noch emotional ergriffen – aber, und hier danke ich einem sehr guten Freund für die Zusammenfassung, ich durfte etwas lernen:

    Nicht Du hast “damit” angefangen und das “Problem” erzeugt – sondern der Patient.
    Egal was du tust, es ist immer eine Verbesserung! Egal was!

    Und das stimmt! Ich bin in die Situation, wie viele andere, hineingeschmissen worden – habe es mir nicht ausgesucht. Aber wir waren da und haben gehandelt, die Situation dadurch verbessert und zudem anderen gezeigt, dass “wegzuschauen” keine Lösung ist.

    Helfen kann jeder – egal was er tut. Hauptsache ist, er handelt!

  3. Philip Seipold

    hallo gordon.
    ich bin geschockt, gerührt, habe tränen in den augen und zu gleich bin ich motiviert….
    ich bin sehr stolz auf deine taten…da sollten sich doch ehrlich mal einige menschen gedanken darüber machen und reagieren…
    ich reagiere: ich werde mich informieren und einen erste hilfe kurs belegen
    danke für diesen beitrag, mich hat er zum nachdenken veranlasst…

  4. Puh, verdammt übel. Ich kenne diese Gefühle und die Frustration wenn “alles umsonst war”.
    Aber was mich wirklich erschreckt hat ist die Gleichgültigkeit der Anderen die du live erleben musstest. Die sogar auf direkte Ansprache und Bitte um Hilfe nicht reagieren.
    Da weiß ich ncht was mehr in mir aufsteigt. Hass und Wut oder Verzweiflung.
    Und die Frage: Was wäre wenn du nicht dagewesen wärst? Hätte sich dann überhaupt jemand gekümmert? …
    Ich wünsche dir alles Gute und viel Kraft.

    • Danke für Deinen lieben Kommentar!
      Ich habe mich in der Situation und danach sehr über die “Gleichgültigkeit” der Menschen geärgert, aber die letzten Wochen durch die vielen Nachrichten und Kommentare erfahren dürfen, dass überwiegend “Angst”, etwas falsch zu machen, vom Handeln abhält.
      Es gibt immer jemanden, der aktiv wird – entscheidend ist jedoch, wie lange es braucht, bis dies geschieht, sprich der “Mutige” vorbeikommt und handelt.
      Die weitaus interessantere Frage ist also: Wie kann erreicht werden, dass sich mehr Menschen (zu)trauen, Hilfe zu leisten?

  5. Ach Du grüne Neune! Danke für den Bericht. Ich war auch mal Erstmelder bei nem Fall auf dem Bahnhof; leider hab ich damals nicht selbst den Rettungsdienst gerufen, sondern das den Bahnern überlassen – bis die Patientin abtransportiert wurde, sind 23 Minuten vergangen. Ich glaube, in den Zügen steht auch, dass man bei Notfällen erst das Zugpersonal informieren. Ich bin manchmal mit der Regionalbahn von Aschaffenburg nach Darmstadt gefahren, ohne dass ich einen Kontrolleur gesehen hätte. Wäre schön, wenn’s an jedem Gleis eines vielbefahrenen Bahnhofs wie Frankfurt/Main Kästen mit Defis gäbe und auch Erste Hilfe-Kästen – und zwar nicht in den Wärterhäuschen, die ja auch oft unbesetzt sind, sondern genauso zugänglich wie ein Feuermelder.
    Schätzungsweise frischt der gemeine Bahnmitarbeiter genauso selten seine Erste Hilfe-Kenntnisse auf wie der gemeine Autofahrer. Oder auch die Uniform schützt vor Unsicherheit nicht.

    • Die Verfügbarkeit von Defibrillatoren an möglichst vielen und vor allem stark frequentierten Orten/Plätzen wäre wünschenswert. Eine flächendeckende Verfügbarkeit wird jedoch nie erreicht werden können und daher wird es stets Situationen geben, in denen ein solches Gerät nicht greifbar ist.
      Ob mit AED oder ohne: In allen Fällen muss jemand aktiv werden! Und da viele Menschen nicht einmal die Laienreanimation beherrschen oder anwenden können, zweifle ich daran, dass sie sich zutrauen würden, ein solches Gerät einzusetzen.
      Die Lösung ist und bleibt meiner Meinung nach: Es müssen mehr Menschen in die Lage versetzt werden, sich zu (zu)trauen, aktiv zu werden und ihre meist unbegründete Angst abzulegen. Das Aneignen von Wissen ist daher der erste wichtige Schritt!

  6. Respekt. Zum einen hoffe ich, dass ich nie in solch eine Situation komme und zum anderen hoffe ich, dass ich – sollte es doch soweit kommen – mich genau so im Griff habe wie du und das richtige tue.

  7. Mach dir keinen Kopf. Er hatte scheinbar keine Chance, denn die Voraussetzungen zum Überleben wären fast ideal gewesen: Kurz nach dem Notfall wurde bereits mit der Reanimation begonnen und du hast auch tief genug gedrückt (sonst wären die Rippen nicht gebrochen).
    Aber manchmal ist es eben einfach so weit. Machste nix.
    Nächstes Mal vielleicht. ;-)

    • Ich danke Dir.
      Die Voraussetzungen waren in der Tat gut – aber wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Es ist immer traurig, wenn ein Mensch stirbt. Für mich persönlich ist die Vorstellung, von jetzt auf gleich im Alter von 85 Jahren aus dem aktiven Leben “gerissen” zu werden und “tot umzufallen”, aber eher beruhigend.

  8. Olaf Möller Hamburg

    Hallo Herr Seipold,

    auch ich möchte mich bei Ihnen für diese gute “Tat” bedanken – ich selber habe in den 80er Jahren auf der Sauerlandlinie bei einem Massencrash als Ersthelfer um andere gekämpft. Als 30-jähriger Student, der sein Studium mit Trailertrucking (Skandinavien-Kontinent, Sattelzug, 38 Tonnen zul. Gesamtgewicht) in den Semesterferien finanziert hat.
    Nach all dem Gemetzel und Hilfsarbeiten vor Ort haben sicherlich einige Leute überlebt, ob das auch an mir lag, weiß ich nicht sicher. Mein Overall war jedenfalls blutverschmiert und eine Notärztin oder -helferin setzte sich zum Ende das ganzen neben mich an die Leitplanke und fragte nach einer Zigarette. Es folgte ein wohltuendes Gespräch, am Zittern war ich auch so für zehn Minuten, da war sehr viel Energie (Adrenalin ?). Irgendwann ging es dann weiter.
    Es m.u.ß immer und überall und jederzeit Menschen geben, die helfen wollen und können ! Als Menschen, nicht nur als “Profis”, die es natürlich auch braucht.
    Leider sind es wohl eher wenige. In einer Untersuchung zum Thema habe ich (vor etlichen Jahren) einmal gelesen, daß die Helfer die Frage, “weshalb” sie geholfen haben, schwer beantworten konnten. Es gehört sich einfach unter Menschen – das wäre wohl die Antwort. Ich hätte es wohl auch nicht gewußt…

    Alles Gute an Sie aus Hamburg !

    Olaf Möller

  9. Olaf Möller Hamburg

    Ich noch einmal zur Ergänzung: Es haben natürlich auch andere gerettet, geholfen und getröstet, nicht nur ich allein. Feuerwehr/ Mediziner und Polizei kamen nach ca. 10 Minuten dazu.
    Und man “funktioniert” in solchen Situationen wohl ganz gut – Zittern und Spannungsabbau kommen erst später.

    • Hallo Herr Möller,
      Ihr Erlebnis war allein von der Szenerie her dramatisch(er) und verlangte allen Helfern viel ab. Respekt!
      Adrenalin, das in solchen Situationen ausgeschüttet wird, führt offensichtlich bei einigen Menschen zur “Flucht” nach vorn, die in Aktivität und damit in Hilfe mündet. Bei anderen scheint eine Art “Starre” erzeugt zu werden.
      Zu helfen, “gehört sich einfach unter Menschen” – da stimme ich Ihnen zu und danke Ihnen für diese treffende Zusammenfassung!

  10. Olaf Möller Hamburg

    Hallo Herr Seipold,

    danke für Ihre Worte. Und – das hatte ich vergessen – auch für Ihre Darstellung des Geschehens und der inneren Reaktionen der Beteiligten. Sehr plastisch und einfühlsam beschrieben.
    Adrenalin ist sicherlich hilfreich, wenn man ein klares Bild vor Augen hat von dem, was “jetzt” zu tun ist. Das ist dann auch kein “Denkprozeß”, sondern ein eindeutiger Impuls, eine klare Motivation, fast eine Art “Bilderfolge”, mit der man – sogar ziemlich schnell – das Notwendige quasi antizipiert (so habe ich es für mich in Erinnerung). Ich glaube es war Feldenkrais, der den Begriff der “Monomotivation” eingeführt oder wenigstens verwendet hat – mit solch einer Motivation hat der Mensch ein klares Ziel vor Augen und “weiß” den Weg und legt los.
    Den Zaudernden oder Erstarrten hätte Feldenkrais wohl als “kreuzmotiviert” bezeichnet, dessen gegeneinander gerichteten Impulse sich quasi aufheben, so daß sie verkrampfen. Es mag auch Angst dabei sein – das ist zugleich auch menschlich.

    Ab und an werde ich Ihr blog besuchen.

    Beste Grüße
    aus
    Hamburg

    • Ich danke Ihnen, Herr Möller, für Ihre Worte und stimme Ihnen zu, dass es ganz sicher kein aktives Nachdenken ist, dass einen Laien in einer solchen Situation die nötigen Handgriffe tun lässt. Und hier sind wir wieder beim Thema: Nur wer eine grobes Bild einer Lösung vor sich hat, kann aus einem Impuls heraus, die (richtigen) Schritte (automatisch) ausführen. Wissen ist also (erfolgs)entscheidend.

      • Olaf Möller Hamburg

        Hallo Herr Seipold,

        ich bin es noch einmal… Ihre Geschichte läßt mich nicht “in Ruhe” (gut so!).
        Habe dieses blog entdeckt, das genau Ihre Thematik m. E. so richtig gut aufgreift:

        http://alltagimrettungsdienst.wordpress.com/

        Hoffentlich sind Sie einverstanden, daß ich diesen link hier angegeben habe (ich glaube, daß Sie es sind).

        Beste Grüße an Sie
        aus
        Hamburg

  11. Bin durch struwwelchens Blogbeitrag http://struwwelpod.wordpress.com/2013/04/15/jeder-kann-helfen-aber-tut-es-auch-einer hierher gekommen. Ich habe zwar auch einen Erste Hilfe-Kurs belegt, würde aber in so einem Fall schon vergessen haben, welche Handgriffe wo angewendet werden müssen. Daher DANKE für das Update, werde mir nun Deinen Blog öfters ansehen. Schönen Gruß aus Belrin, Mic@

  12. Danke für den sehr anschaulichen Bericht und natürlich Ihr tolles und mutiges Eingreifen! :-)

    Meiner Meinung nach besteht die einzige Möglichkeit, mehr Menschen in den entsprechenden Situationen zum Handeln zu bekommen darin, Erste-Hilfe-Kurse in regelmäßigen Abständen verpflichtend(!) zu machen. – Für Autofahrer, Eltern und ja, einfach JEDEN!

    Denn das Nicht-Eingreifen ist bei vielen Unsicherheit, aber auch das nicht mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert-werden-Wollen. (Oder warum sonst muss es Gesetzte zur AnschnallPflicht geben?…)

    Der Ausweg ist Wissen, denn unbekannte Situationen und evtl. Gefahren machen verständlicher- (und auch richtigerweise, denn sonst hätten die Höhlenmenschen sicherlich nicht überlebt) Angst! (“Kann ich mich mit was anstecken, Kann ich hinterher für falsches Handeln verantwortlich gemacht werden, Kann ich das physisch und psychisch überhaupt?!” etc.)

    Aufklärung ist das A und O (und hier wäre die Politik noch mehr gefordert), denn das Gefühl hinterher, es wenigstens probiert zu haben ist mit Sicherheit 1000x besser, als weggesehen zu haben. :-)

    Und ja, mir ist leider auch einmal eine Frau unter den Händen weggestorben. Das Schlimmste war, dann zu erfahren, dass sie ein kleines Kind hatte, was nun ohne Mutter aufwachsen musste…

    Also, Leute: Tretet Euch in den eigenen Hintern und übt 1. Hilfe, wie Ihr sonst auch Weiterbildungskurse für Euren Beruf oder in Eurer Freizeit besucht!! Es lohnt sich auf alle Fälle! :-)

    • Danke für Deine Worte und klare Meinung! Das regelmässige Auffrischen des Wissens ist entscheidend!

      Die Verantwortung, den Menschen vor sich selbst und seinem eigenen unvernünftigen Handeln zu beschützen, geben wir allzu gerne (auch oder gerade an die Politik) ab: Ja, es ist sinnvoll und richtig, eine Anschnallpflicht gesetzlich zu regeln, wenngleich man davon ausgehe sollte, dass ein intelligentes und auf Überleben getrimmte Säugetier aus sich heraus alles tun wird, um sich selbst und seinen Nachwuchs zu schützen.
      Dennoch bin ich nicht der Meinung, dass ein “Zwang” zum Auffrischen der Erste-Hilfe-Kenntnisse verhindern wird, dass zu viele Menschen wegschauen und lieber nichts tun. Hilfe sollte freiwillig und aus eigener Überzeugung heraus geleistet werden – Zwangsfortbildung wird niemandem mutiger oder hilfsbereiter machen.
      Unzählige Ortsverbände des Roten Kreuzes bieten Erste-Hilfe-Kurse an, aber nur wenige gehen freiwillig hin. Und wenn Erste-Hilfe-Kurse für Fahranfänger damit beworben werden, dass es im Kurs ein Menü einer Fast Food Kette zum Essen gibt (http://www.startsafe.info/kursort/karlsruhe), frage ich mich, was die Teilnehmer dort an Wissen “mitnehmen”.

      Wie also diese Diskrepanz auflösen?
      Zu helfen muss “schick”, “cool” und selbstverständlich werden. Hier kann – und jetzt bin ich wieder bei Dir – die (Bildungs)politik sicher behilflich sein, aber auch der Sportverein, der Arbeitgeber und und und … Es gibt Unternehmen, die bezahlen Ihren Mitarbeitern ein Fahrsicherheitstraining und gewähren hierzu einen “freien Tag”. Der Mensch ist eher gewillt, in einer ihm bekannten Gruppe, sich Wissen anzueignen oder sogar sein Unwissen preiszugeben – aber kaum bei ihm unbekannten Menschen.
      Warum also nicht angehenden Eltern im Geburtsvorbereitungskurs einen Erste-Hilfe-Kurs anbieten oder “schenken” – sie sind ohnehin sensibel für das (neue) Leben?!
      Schulklassen freuen sich sicher über einen (freien) Erste-Hilfe-Tag. Es gibt unzählige Möglichkeiten und Ideen, …
      Und durch Erfahrungsberichte, wie Deinen leider auch traurigen – aber auch die vielen mit gutem Ausgang – , lassen sich Menschen zum Nachdenken und zum Handeln motivieren!
      Denn im Normalfall sind die Themen “Tod”, “Reanimation”, “Unfall” etc. gaaaaaanz weit weg – erst, wenn jemandem aus dem “Umfeld” so “Etwas” widerfährt, hören Freunde, Bekannte und Familie zu, werden nachdenklich und letztendlich auch aktiv. Es erreichen mich seit Tagen E-Mails von Menschen, die meinen Beitrag gelesen haben und daraufhin einen Erste-Hilfe-Kurs belegt oder zu sich selbst gesagt haben: “Das nächste Mal helfe ich!”.
      Es brauch also ganz “normale” Menschen, wie Dich und viele andere, die vorbildlich handeln, darüber sprechen und so anderen Mut machen: “Hey, die Elke hat … Das kann ich auch!”.

  13. Da läuft es mir gerade kalt den Rücken runter. Ich hoffe, dass ich nie in so eine Situation kommen werde. Und wenn doch, hoffe ich, das Richtige zu tun. Erst vor Kurzem habe ich einen Erste-Hilfe-am-Kind-Kurs absolviert und somit mein Ersthelferwissen von vor 15 Jahren wieder aufgefrischt. Ich war erschrocken, wie viel ich vergessen hatte. Vielleicht sollte man die Bürger verpflichten, regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse zu besuchen. Ob dadurch mehr Menschen in Not geholfen werden könnte?
    Dein Satz “Nicht zu helfen, ist der einzige Fehler, den man machen kann!” bringt es auf den Punkt. Und wer sich HLW nicht zutraut, soll wenigstens bei dem Hilfebedürftigen bleiben und den Notarzt anrufen und andere Menschen hinzu holen. Besser als nichts tun!

    Vielen Dank und Respekt für dein Engagement!

    • Ich danke Dir, Matthias, für Deinen Kommentar und freue mich, dass Du einen speziell für (Klein)Kinder ausgelegten Erste-Hilfe-Kurs besucht hast.

      Sicher ist “Wissen” einer der wichtigsten Schlüssel. Warum aber die Bürger per Gesetz dazu verpflichten, ihre Erste-Hilfe-Kenntnisse aufzufrischen? Warum nicht selbst aktiv werden und andere motivieren, einen Kurs zu besuchen? “Ich lade meine Freunde kommenden Monat zum Erste-Hilfe-Kurs ein, statt zur geplanten Tupperparty.” war nur eine der Reaktionen, die mich per E-Mail erreicht hat. Mir gefällt die Idee und die Initiative – wobei ich auch sehr gerne zu Tupperparties gehe ;)

      • Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und gern die Bürger verpflichten, nicht nur die Erste-Hilfe-Kenntnisse, sondern auch die Straßenverkehrskenntnisse und -fähigkeiten regelmäßig aufzufrischen. Aber das ist ein anderes Thema.

        Die Idee mit dem Erste-Hilfe-Abend statt Tupper-Party finde ich gut. :)

  14. Ich habe an meinem letzten Geburtstag zum Brunch eingeladen und das Ganze mit einem Erste Hilfe Kurs beim örtlichen DRK verbunden.
    Die meisten haben fein mitgemacht, auch die Kinder, und der eine oder andere hat sicherlich was mitnehmen können. Ich finde es wichtig, den Leuten die Angst vorm Helfen zu nehmen und wenigestens die Grundlagen ab und an in Erinnerung zu bringen. Und Spaß hat es auch gemacht.

  15. Unfassbar, dass da einfach so viele Leute einfach weitergegangen sind, selbst nach direktem anprechen!!

    • Umso wichtiger ist, dass möglichst viele Menschen verstehen, dass nicht zu helfen, der einzige Fehler ist, den man machen kann! Und, dass Hilfe, selbst wenn man sich nicht in der Lage sieht, jemanden zu reanimieren, aber auf jeden Fall in anderer Form geleistet werden kann: Sei es, durch einen Anruf, das Ansprechen anderer Passanten, …

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