So schnell kann es gehen!

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30 Sekunden zuvor stand ich noch am Waschbecken im Toilettenbereich des Bahnhofs und während im Hintergrund ein dumpfes Geräusch zu hören war, schoss ein Gedanke durch meinen Kopf: Bitte nicht …

Jetzt zwänge ich mich mit meinem Koffer und der Laptoptasche durch das viel zu enge Drehkreuz, mein Kopf ist schon im Autopilot-Modus – die nötigen Schritte arbeite ich im Kopf ab.

Mein Gepäck landet in der Ecke. Ich knie mich hin und habe meine Hand sofort am Hals des am Boden liegenden Mannes. Puls nicht zu spüren – auch nicht an den Handgelenken, Atmung nicht vorhanden, Mund und Rachen frei, blau angelaufenes Gesicht, Augen geöffnet, Pupillen reagieren nur sehr leicht auf Licht, Hörgerät, Zahnprothese im Oberkiefer, kalter Schweiß, … Ich überprüfe alles doppelt. Selbes Ergebnis.

Ich beginne zu reanimieren. Nicht das erste Mal in meinem Leben. Nur diesmal summt die Titelmelodie von Pipi Langstrumpf in meinem Kopf. Makaber. Vor einigen Wochen hatte ich das in einem Beitrag gelesen. Der Takt gibt die Geschwindigkeit der Kompressionen vor: 100 – 120 Wiederholungen pro Minute.
(Was für einen Blödsinn man sich merkt. Aber es hilft, das Tempo aufrechtzuerhalten.)

Es kommen und gehen Menschen. Ich spreche sie an – keiner reagiert. Die Haut des Mannes wird rosiger. Auf jetzt! Komm schon! Immer noch kein Puls, keine Atmung. Ich fluche.

Sein Bekannter erscheint in meinem Blickfeld und steht fassungslos neben mir. Er informiert den Notarzt.

Ein junger Herr tritt in den Vorraum und ich bitte ihn mehr oder weniger freundlich, gegenüber zum Schalter der Deutschen Bahn zu eilen, Unterstützung zu holen und mir ein Beatmungsset zu besorgen. Er ist kurz darauf zurück: Mit einem Erste-Hilfe-Koffer, aber ohne Hilfe. Von einer Beatmungsmaske wüsste die junge Dame an der Information nichts. Im Koffer befindet sich anscheinend auch nur ein einzelner Einweg-Handschuh. Ok, geht auch ohne. Blick auf die Uhr: Inzwischen drücke ich über 5 Minuten den Brustkorb des Unbekannten. Ich verlange nochmals nach einem Beatmungsset und Hilfe.
Ein Gast in der Bar nebenan beobachtet mein Handeln durch die Scheibe und schaut weg als ich ihn herwinke. Ich spreche aus, was ich denke: Arschloch.

Ich bitte einen 40jährigen, der vorbeikommt, stehen bleibt und beginnt mir zuzuschauen, mich kurz abzulösen, damit ich meine Jacke ausziehen kann. Seine Ausrede: er könne sich mir gegenüber nicht hinknien – er könne das nicht … Er geht. Es herrscht reger Betrieb: Männlein und Weiblein gehen zur Toilette und laufen an mir vorbei.

Ich drücke die Brust weiterhin über 100 Mal in der Minute und schwitze unter meiner dicken Jacke und dem Schal. Kein Puls. Keine Atmung. Nur nicht nachlassen!

Jemand schlägt vor, die Polizei zu informieren – diese soll im Stockwerk über uns sein. Wenig später erscheint eine Polizistin.

“Was kann ich tun?”.
“Übernehmen, 100er Frequenz. Und ich brauche etwas zum Beatmen!”.
Sie reicht mir eine Beatmungsfolie, beginnt zu drücken und schaut kurz irritiert. Es fällt mir aus dem Gesicht: “Ja, ich habe ihm die Rippen gebrochen. Drücken. Nicht streicheln!”.
Sie zählt, stoppt. Ich beatme. Das geht jetzt recht flott und Hand in Hand.

Endlich wird mir eine Einweg-Beatmungsmaske mit Filter gereicht und ich leite den jungen Herrn an, zu beatmen. Er hat offensichtlich schon einen Ersten-Hilfe-Kurs hinter sich, ist aber zu sanft und zögerlich. “Das ist kein Säugling. Sie können kräftig blasen. Ich muss im Brustraum spüren, dass es ankommt. Nacken nicht vergessen zu überstrecken!”. Die Polizistin geht ihm zur Hand: einer fixiert den Nacken, einer beatmet mit fest auf Mund und Nase gedrückter Maske. Wir finden unseren Rhythmus.

Weitere Polizisten und Menschen erscheinen und ich frage, ob der Notarzt eingewiesen wird und ob irgendjemand die vielen Zuschauer entfernen könnte. Die Menge löst sich langsam auf und schon steht der Notarzt samt 4 weiteren Helfern vor uns. Endlich. Zwei Sätze von ihm genügen und die erschienen Mitarbeiter der Bahn sperren den Bereich.

“Seit knapp 15 Minuten Reanimation nach keinem spürbarem Puls, keine Atmung. 100 bis 120 Kompressionen pro Minute und Beatmung” informiere ich. Eine Rettungshelferin kniet sich mir gegenüber, lächelt mich an und übernimmt die Druckmassage. Ich stehe auf und schnappe nach Luft.
“Da hat einer hart gearbeitet” meint der Notarzt, schaut mich an und legt ein “Keine Sorge, Rippen brechen ganz leicht. Gut gemacht.” nach. “Ich weiß.”.

Ein Zugang wird gelegt, der Monitor angeschlossen, der Tubus geschoben und per Beutel beatmet. Der Monitor zeigt wilde Linien zwischen 90 und 130 – von der Herzdruckmassage der Helfer. Es wird mehrfach unterbrochen, geschaut und fortgefahren. Keine Reaktion auf dem Monitor, “Supra” wird gespritzt, ich halte den Beutel mit Flüssigkeit, dessen Schlauch im rechten Handrücken des Patienten endet. Die Flüssigkeit fließt schnell. Der Beutel wird kleiner. Die Helfer wechseln sich ab.

Der Begleiter des Herren wird im Hintergrund vom Notarzt bzgl. Krankheiten und Medikamenten befragt. Der Geldbeutel verrät nicht viel.
Ich werde nochmals befragt: Wie lange der Mann lag, bevor ich ihn erreicht hätte und ob ich etwas wüsste. “Kurz nach dem er umgefallen ist. Leider nein.”

Ich schaue wieder auf die Uhr, schüttle den Kopf. Nach 30 Minuten stellen auch die Profis ihre Bemühungen ein.

Tot.

“Da war Nichts zu machen. Sie haben alles richtig gemacht.” meint einer der Rettungsassistenten noch.

Trotzdem ist er tot.

Josef, war 85 Jahre alt, verheiratet und mit Dieter, seinem Bekannten, auf dem Weg aus dem Bayrischen nach Rastatt. Sie kennen sich seit 40 Jahren und Dieter sollte ihm das neugekaufte Auto für seine Frau nach Hause fahren. Jetzt liegt er hier auf dem Boden im Vorraum zur Toilette. Einfach so gestorben.

Meine Personalien werden aufgenommen. Nassgeschwitzt und leicht zitternd spreche ich die Polizistin an, entschuldige mich dafür, dass ich sie harsch angefahren habe. Sie unterbricht mich und bedankt sich bei mir: “Alles gut. Wir lernen das und trotzdem konnte ich es nicht sofort abrufen. Danke für die Anweisungen.”

Ich trete in die Bahnhofshalle. Verschiedene Menschen sprechen mich an und verwenden Begriffe, wie Courage und Leistung, von Mut und Respekt. Danken mir. Sprechen mir ihr Beileid aus. Fragen mich, ob ich Arzt sei. Woher ich wüsste, was zu tun ist. Warum ich so schnell eingreifen kann und dabei andere noch anleite. Ich habe nur wenige Antworten in diesem Moment.

5 Minuten später halte ich einen Caramel-Macchiato in meiner unruhigen Hand, sitze gegenüber des Toilettenausgangs im Café: Eben noch mit dem Autopilot unterwegs, kämpfe ich jetzt mit Tränen und meinen Gedanken.

So schnell kann es gehen und selbst wenn jemand sofort hilft, kann es vorbei sein.

Warum hilft kaum einer freiwillig? Es waren so viele Menschen da.
Wie kann es sein, dass am Bahnhof kein AED (Automatisierter Externer Defibrillator) vorhanden ist und auch keiner der Bahnmitarbeiter unterstützt hat?
Hätte ich etwas besser machen können? Habe ich etwas übersehen?

Die Familie kommt mir in den Sinn.

Das Beerdigungsinstitut rollt den im blauen Sack liegenden Josef auf einer Rolltrage an mir vorbei. Tränen laufen über mein Gesicht. Die Putzkolonne reinigt den Vorraum von allen Spuren und wenig später laufen die ersten Reisenden ahnungslos über die Stelle, an der wir auf den kalten Fliesen gekniet haben und letztendlich chancenlos waren.

Ich treffe Dieter und wir unterhalten uns. Er dankt mir für mein beherztes Eingreifen. Er hat schon das Ticket für die Rückfahrt und darf die Hinterbliebenen nicht informieren – das übernimmt die Polizei. Er erzählt, dass Josef noch auf der Zugfahrt viel geredet, über nichts geklagt oder sonst irgendwelche Anzeichen des Unwohlseins gezeigt hat. Ja, Josef war nicht mehr der Jüngste. Aber alles war wie immer. Mit feuchten Augen verabschieden wir uns.

Auf dem Heimweg beginne ich, das Erlebnis in mein iPad zu tippen.

Das war gestern. Nach einer unruhigen Nacht startet für mich ein neuer Tag – die Gedanken kreisen immer noch.

Mit der Situation überfordert zu sein, sich zu erschrecken, sich vielleicht zu ekeln oder flüchten zu wollen, die Angst vor Fehlern, das eigene Unwissen über die richtige Vorgehensweise, der direkte Kontakt zu einer fremden Person, der Gedanke “es wird schon ein Anderer etwas tun”, der Anblick eines hilflosen Menschen, …
All diese Gedanken und Reaktionen kann ich nachvollziehen. Dabei ist es so einfach, zu helfen!

Die reine Herzdruckmassage, sprich das kräftige (5-6 Zentimeter tiefe) Drücken auf die Mitte des Brustkorbs (zwischen den Brustwarzen) mit 100-120 Wiederholungen pro Minute kann und darf durch JEDEN angewendet werden. Sie alleine verdreifacht die Überlebenswahrscheinlichkeit eines Menschen! Nicht zu helfen, ist der einzige Fehler, den man machen kann!

Das Wissen darüber, wie einfach und effektiv man Hilfe leistet, ist der erste wichtige Schritt – dafür muss kein Kurs besucht werden. Zwei Minuten Ihrer Zeit reichen aus, um zu lernen, was zu tun ist. Jetzt und hier – direkt an Ihrem Computer!

Diesmal haben wir den “Kampf” verloren. Aber ohne unsere Hilfe wären die Chancen für Josef noch geringer gewesen. Und statt Josef, der uns allen unbekannt war, hätte es auch einen unserer Familienangehörigen oder Freunde treffen können.

Ich wünsche mir, dass sich Menschen häufiger in einer solchen Situation zusammentun, den Mut aufbringen, schnell zu helfen und ihr Wissen kombinieren. Aber: Einer muss den Anfang machen!

Bitte nehmen Sie sich die Zeit, schauen Sie sich das Video an und helfen Sie, wenn es in Zukunft nötig ist – entweder, indem Sie Ihr Wissen und damit die Herzdruckmassage aktiv einsetzen oder zumindest, indem Sie andere Personen anleiten und motivieren.

Erschreckend: Nur 15 Prozent der Bevölkerung beginnen mit Wiederbelebungsversuchen! (zur Studie →)

Teilen Sie also bitte Ihr Wissen, das Video, die folgenden Links oder diesen Beitrag mit Ihren Freunden, Arbeitskollegen und Ihrer Familie.

Mehr Informationen zum Thema “(Laien-)Reanimation” finden Sie unter:

Und sollten Sie mehr wissen oder sogar an einem Dummy die Herzdruckmassage ausprobieren wollen, besuchen Sie einfach einen Erste-Hilfe-Kurs.